Mittwoch, 5. März 2014

Willi Lerner - Aufzeichnungen aus der Hölle. So überlebte ich den Holocaust [Dokumentation]

Aus mir war im Außenlager des KZ Dachau ein sogenannter „Muselmann“ geworden, nur noch Haut und Knochen und immer hungrig. Ich träumte von dem Tag, an dem ich mich nach Herzenslust satt essen konnte. Manchmal träumte ich, dass ich an einem reich gedeckten Tisch säße – Brot, Butter, Sardinen, Eier, ich konnte sogar den Duft von Kaffee riechen… aber das blieb nur ein Traum.
Unsere Brotrationen wurden immer kleiner; wir mussten jetzt einen Brotlaib zwischen 12 Männern aufteilen. Das Teilen war äußerst schwierig: Wir mussten erst eine Art Skala entwickeln, sodass jeder exakt die gleiche Menge an Brot erhielt, nicht mehr und nicht weniger. Dies allein dauerte schon eine halbe Stunde.
Weil der Hunger immer unerträglicher wurde, aß ich alles, was ich finden konnte – Grashalme oder Kräuter, die ich in die Wassersuppe gab. Wenn ich Glück hatte, fand ich einige Kohlblätter oder Kartoffelschalen. Sie hungerten uns aus bis zum Tod, und viele starben an Unterernährung. Ich konnte kaum noch laufen, das Atmen war ein Kampf, und ich weiß nicht, woher ich die Kraft zu überleben nahm.
Eines Tages tötete die SS einen ihrer Hunde und ordnete an, dass er auf dem Lagergelände vergraben werden sollte: „Hunde sollen bei euch Hunden sein.“ Der Hund wurde wie befohlen vergraben, aber in der Nacht beschlossen einige von uns, ihn wieder auszugraben, zu zerlegen und zu essen. Ich stand Schmiere und erhielt dafür einen Knochen mit etwas Fleisch daran. Ich versteckte ihn bis zum nächsten Abend.
Dann füllte ich Schnee in meinen 3-Liter-Topf, nahm etwas Streusalz vom Boden und wartete, bis ich alles auf unserem Herd kochen konnte. Endlich war es soweit: Ich nahm den Knochen, mein Stück Brot und ein kleines Stück Käse von der Abendration und rührte alles in den Topf. Ich hatte in meinem ganzen Leben noch nie eine so gute Suppe gegessen. Daran sieht man, zu was einen Hunger treiben kann.
Um Weihnachten 1944 wurden noch mehr Juden in unser Lager gebracht. Sie stammten aus Ungarn, und die meisten von ihnen waren nur kurze Zeit in Lagern gewesen, einige kamen sogar direkt aus ihrer Heimat. Sie konnten sich kaum an die harten Lebensbedingungen gewöhnen, die sie im Lager erwarteten – nichts zu essen, große Kälte und harte Arbeit. Viele von ihnen wurden krank und starben. Davon nahmen wir kaum Notiz, denn Sterben gehörte zur Tagesordnung, man konnte nichts dagegen tun. Jeder musste selbst sehen, wo er blieb.